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Dialog der Generationen

24.05.2006 | Souverän. Das Magazin der Senioren Union Deutschlands

„Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wieviel er in sieben Jahren dazugelernt hatte.“ Mit diesem Satz hat der Schriftsteller Mark Twain das Verhältnis zwischen den Generationen, über das Ältere und Jüngere seit Jahrhunderten miteinander diskutieren, auf den Punkt gebracht.

Auch ich habe seit Beginn meiner Amtszeit als Bundesvorsitzender der Jungen Union im Jahr 2002 vieles dazu gelernt und sammele täglich neue Erfahrungen. Die Fragen, die meine Äußerungen über die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme vor drei Jahren aufgeworfen haben, zeigen, wie wichtig es ist, bei diesen Themen die Belange aller Generationen im Blick zu behalten. Zum einen, um unsachliche Schuldzuweisungen oder den Eindruck von Verteilungskämpfen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Und zum anderen, um einseitige Belastungen für die Älteren oder für die Jüngeren zu vermeiden. Denn die heutigen Rentner sind diejenigen, die unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut und hart für den allgemeinen Wohlstand in Deutschland gearbeitet haben. Sie sind es, die eine Familie gegründet, Kinder aufgezogen haben und heute als Großeltern ihre Enkel unterstützen. Diese Tatsachen finden leider nur allzu selten in der breiten Öffentlichkeit Beachtung.

So wie die Älteren dank ihrer Aufbauleistung für uns Jüngere gesorgt haben, sollen auch nachfolgende Generationen später ihren Nutzen aus unseren eigenen Taten und Leistungen ziehen können: Jede Generation will, dass es den eigenen Kindern und Enkeln gut geht. Doch dieses Prinzip, zu Recht als Generationenvertrag bezeichnet, ist in der Politik leider zunehmend in Vergessenheit geraten. Der Staat lebt von der Hand in den Mund. Und er lebt seit langer Zeit deutlich über seine Verhältnisse. Mittlerweile ist die staatliche Gesamtverschuldung auf fast 1,5 Billionen Euro gewachsen, das sind pro Bürger rund 18.000 Euro. Doch damit nicht genug, denn allein der Bund nimmt in diesem Jahr zusätzlich 40 Milliarden neue Schulden auf. In der Folge müssen Bund, Länder und Gemeinden bereits jetzt jeden sechsten Euro aus ihren Steuereinnahmen für Zinszahlungen und Schuldendienst ausgeben – Geld, das an anderer Stelle weitaus sinnvoller eingesetzt werden könnte. Die hohe Verschuldung ist eine enorme gesellschaftliche Hypothek, die vor allem auf den kommenden Generationen lastet. Denn diese werden für die politischen Versäumnisse und finanziellen Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ungefragt in Haftung genommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat diesen Umstand mit klaren Worten skizziert: „Die Staatsverschuldung ist kein fiskalisches, sondern ein moralisches Problem gegenüber den Nachgeborenen.“

Die Konsequenz daraus für die Zukunft muss lauten, die Auswirkungen der maroden öffentlichen Haushalte gemeinsam zu tragen und sie nicht allein späteren Generationen aufzubürden. Das bedeutet für mich Generationengerechtigkeit. Die Lasten auf alle Schultern fair zu verteilen, ist auch bei weiteren Reformen – etwa bei der notwendigen Verlängerung der Lebensarbeitszeit – das Leitbild: Hierbei hat die Große Koalition beschlossen, schrittweise die Rente mit 67 einzuführen. Künftig werden alle ab Jahrgang 1964 oder jünger bis zu ihrem 67. Lebensjahr arbeiten, während für die heute 43- bis 59-Jährigen eine Stufenregelung gilt. Dass die jetzigen Rentner nicht von dieser Regelung betroffen sind und sie in den kommenden Jahren auch keine Senkung des Rentenniveaus erwarten müssen, ist gerechtfertigt. Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und nun im Ruhestand sind, haben Anwartschaften erworben, die zu erfüllen sind. Daher gilt hier der Vertrauensschutz. Meiner Generation ist hingegen klar, dass wir für unser Alter selbst Vorsorge treffen müssen, um ein auskömmliches Rentenniveau zu erreichen. Wer heute zwischen 20, 30 oder 40 Jahre alt ist, muss dringend dafür sorgen, sich privat zusätzlich abzusichern. Um sich als jüngerer Arbeitnehmer bereits jetzt auf mehr Eigenverantwortung einstellen zu können, bietet die Verlängerung der Lebensarbeitszeit eine verlässliche und berechenbare Grundlage.

In allen sozialen Sicherungssystemen, die wie die Rentenversicherung auf der Umlagefinanzierung beruhen, sind Veränderungen wegen des demographischen Wandels dringend notwendig. In einer älter werdenden Gesellschaft wird es künftig weniger jüngere Beitragszahler geben, die in diese Systeme einzahlen können. Deswegen müssen wir jetzt die Weichen stellen, neben der Renten- auch die Gesundheits- und Pflegeversicherung zukunftssicher und damit zugleich generationengerecht zu gestalten. Als Junge Union beschäftigen wir uns seit langem mit diesen Themen sehr intensiv, um Lösungen zu erarbeiten. Daher fordert der JU-Bundesvorstand in seinem kürzlich beschlossenen Papier „Zukunft des Pflegewesens in Deutschland“, die hohe Qualität der Pflege und Betreuung auch weiterhin zu beizubehalten. Um das Miteinander der Generationen vor allem innerhalb der Familien zu fördern, wird gerade die jüngere Generation bei der häuslichen Pflege Verantwortung übernehmen müssen. Dazu sind wir auch bereit.

Neben allen Herausforderungen, die vor uns liegen, dürfen wir allerdings nicht die vielen positiven Entwicklungen vergessen. Zweifellos hat sich in den vergangenen Jahren vieles getan: Noch nie waren die älteren Menschen in Deutschland bei stetig steigender Lebenserwartung so gesund und so aktiv wie heute. Auf dem Seniorentag in Köln hat Bundespräsident Horst Köhler diesen Aspekt beschrieben: „Wenn Menschen in Deutschland 100 Jahre alt werden, schickt ihnen der Bundespräsident einen Brief. 1985 hat Richard von Weizsäcker 899 Briefe an Hundertjährige geschrieben. Ich habe im letzten Jahr 4.360 Briefe abgeschickt.“

Den Schatz an Erfahrung und Kreativität der älteren Generation gilt es zu nutzen. Dabei gibt es viele Möglichkeiten. Bereits jetzt ist das Engagement der Senioren für die Gesellschaft hoch – im Durchschnitt betätigen sie sich rund 20 Stunden monatlich ehrenamtlich, etwa in der Kirchengemeinde, im Sportclub oder im Nachbarschaftsverein. Besonders hervorzuheben ist die Hilfe der älteren Generation innerhalb der Familie, dem Kern unseres Zusammenlebens: Großeltern unterstützen bei der Erziehung ihrer Enkel und springen bei der Betreuung ein. Und nicht zuletzt vermitteln die Großeltern auch, wenn es zwischen Eltern und Kindern Konflikte gibt.

Somit wird deutlich, wie sehr Ältere und Jüngere aufeinander angewiesen sind. Das heißt zugleich, sich miteinander auszutauschen und im Gespräch zu bleiben. Prof. Dr. Otto Wulff als Bundesvorsitzendem der Senioren Union und mir liegt deswegen der Dialog der Generationen, den die Junge Union und die Senioren Union seit längerem intensiv führen, besonders am Herzen. Um den Kontakt weiter zu intensivieren, begann im April eine Intensivierung der Gespräche auf Bundesebene, mit der beide Vereinigungen im Zuge der Debatte um das Grundsatzprogramm der Union ihre Anliegen und Werte auch künftig auf allen politischen Ebenen deutlich machen wollen. Konkret wird hierbei vor allem die Gesundheitspolitik im Mittelpunkt stehen. Senioren Union und Junge Union haben dabei betont, dass jüngere und ältere Menschen nur miteinander Verantwortung für die Gesellschaft übernehmen können.

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