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Die ′Generation Smart′ und der Ernst des Lebens

04.03.2002 | Die WELT

Die 1980er benutzen den Spaßfaktor, um die kürzer werdende Kindheit in einer veränderten Welt ein bisschen zu verlängern.

Die Einordnung schien so einfach: Florian Illies prägte für die um 1970 Geborenen den Begriff "Generation Golf". Bald darauf erhielten die um 1980 Geborenen einen Namen: "Generation Fun", häufig auch "Generation Ich" genannt. Schlagworte waren schnell gefunden - "Love-Parade", "TV total", "DJ Ötzi". "Gib Gas, ich will Spaß", lautete das Motto, das die Älteren den Jüngsten zuschrieben. Die 1980er: Eine angeblich oberflächliche, egozentrische, spaßorientierte Generation, die mit der Playstation aufwächst, sich Liebesbotschaften nur noch per SMS zuschickt, Moorhühner jagt und Deutschland bei der Pisa-Studie ganz weit hinten erscheinen lässt. So weit, so schlecht - denn diese Einordnung macht es sich viel zu leicht.

Die Wahrheit ist eine andere. Doch um sie zu verstehen, muss man zunächst die Ausgangsbedingungen betrachten. Die heutigen Abiturienten, Fahrschülerinnen, Wehrdienst Leistenden und Enkelinnen bilden eine Generation, die während ihrer Sozialisation mit größten Umbrüchen konfrontiert wurde. Kaum hatten ihre Eltern versucht, den Unterschied zwischen dem guten Westen und dem bösen Kommunismus (oder umgekehrt) zu erklären, veränderte sich die Weltordnung fundamental: Politische Systeme und wirtschaftliche Ordnungen brachen in sich zusammen, neue Konflikte entstanden, Länder vereinigten sich. Kaum etwas blieb, wie es war. Die Eltern waren überwältigt, die Studienräte ratlos, die Schulbücher überholt. Es fehlte an Orientierungspunkten, an Halt. Für die 1950, 1960 oder 1970 Geborenen war es in ihrer Jugend möglich gewesen, sich für ein klares Ja oder Nein zu entscheiden: Für oder gegen die 68er-Bewegung, für oder gegen die Nachrüstung et cetera. In einem geordneten Weltgefüge konnten sie Positionen beziehen und für diese eintreten.

Für die 1980er war die Selbsteinordnung in den Zeiten des Umbruchs der neunziger Jahre mehr als schwierig. Diese Veränderungen dauern bis heute an, vor allem in Technik und Wirtschaft. Angesichts des Siegeszuges der Informationstechnologien und der Globalisierung wurden die 1980er gerne als "Generation @" bezeichnet. Auch dieser Name trifft jedoch lediglich einen Teilaspekt. Zwar ist der Umgang mit Computern und das Surfen in virtuellen Welten für die jüngste Generation nahezu selbstverständlich, andererseits kann der Nachwuchs angesichts veralteter Schulcomputer und schlecht ausgebildetem Lehrpersonal kaum den an ihn gerichteten Erwartungen gerecht werden. Denn noch lange wird die Situation nicht erreicht sein, in der ein Laptop die Rolle einnimmt, die die Schreibtafel für Schüler vor 100 Jahren hatte.

Welcher Name trifft stattdessen angesichts des Wandels von Weltpolitik, Gesellschaft, Arbeitsalltag und Technik auf die 1980er zu? Um, getreu der "Generation Golf", bei der Autosprache zu bleiben, liegt der Begriff der "Generation Smart" nahe. Denn in Zeiten des Umbruchs heißt es vielseitig und wendig zu sein, sich nicht vorschnell festzulegen. Der anglizistische Begriff verkörpert zugleich die Vielsprachigkeit international ausgerichteter Biografien. Smart heißt wörtlich übersetzt schlau, clever - denn inmitten von Umbrüchen gilt es geschickt und eigenständig neue Wege und auch Nischen zu finden. Die 1980er werden sich wie keine andere Generation seit der Nachkriegsjugend in den kommenden Jahrzehnten durchsetzen müssen, weil sie all das erleben werden, was bisher zumeist nur in Reden auftaucht: lebenslanges Lernen statt vierzig Jahre lang denselben Beruf ausüben, sich durchsetzen auf einem grenzüberschreitend umkämpften Arbeitsmarkt, Existenzgründung statt Beamtentum, schnellere Wirtschafts- und Arbeitsabläufe, Unwägbarkeiten im Gesundheitssystem und bei der Altersvorsorge. Alles große Herausforderungen, die verständlich machen, warum die "Smarties" heute mit dem Faktor Spaß versuchen, ihre immer kürzer werdende Kindheit ein bisschen zu verlängern. Der Ernst des Lebens kommt schnell genug - lasst ihnen doch die Freude!

Diese Ausgangsbedingungen haben Folgen für die politische Orientierung der jungen Generation. Die Erstwähler wollen eine neue Politik, und nicht den alten Wein in neuen Schläuchen. Sie vertrauen keinem staats mä nnisch-jovialen Medienkanzler. Die 1980er möchten ernst genommen werden und haben ein Recht darauf - schließlich wird jeder von ihnen in wenigen Jahren zwei Rentner finanzieren. Vor allem wollen sie aber die Wahrheit hören - denn in der Vergangenheit ist manches falsch gelaufen. Nicht die heutigen Schüler und Schulabgänger sind an den schlechten Lernresultaten schuld, sondern diejenigen, die über Jahrzehnte eine Bildungspolitik der Gleichmacherei und der falsch verstandenen Integration betrieben haben.

Vor allem aber wollen die Mitglieder der "Generation Smart" nicht mehr als Spaßjünger abgestempelt werden. Denn wenn die Einordnung einer Generation so einfach wäre, was soll dann aus den 1990ern, der "Generation Pokémon & Teletubbies", werden?!

erschienen in: Die WELT, 4. März 2002

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