Gefährlicher Irrweg
Von Philipp Mißfelder
Ein Gastbeitrag zum Kruzifix-Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte
Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, wonach das Anbringen von Kruzifixen in Klassenzimmern gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstößt, lässt Christen zwischen Portugal und Polen rat- und fassungslos zurück. Und nicht nur das: Der Spruch der Straßburger Richter ist – bei allem Respekt vor der richterlichen Unabhängigkeit – sogar gefährlich. Denn diese Entscheidung steht in einer Reihe parteiischer und ideologischer Gerichtsurteile sowie offenbar einflussreicher werdenden geistigen Strömungen, die die kulturellen und moralischen Ursprünge und Werte unserer Kultur negieren.
So untersagte bereits im Jahr 1995 das Bundesverfassungsgericht in einem umstrittenen Urteil die in Bayern vorgeschriebene Anbringung von Kreuzen in Grundschulklassen. Auf diese Weise wird – in einer brisanten Mischung aus falsch verstandener Toleranz, positivistischer Gedankenlosigkeit und religionsfeindlichem Vorsatz – forciert, dass die kulturgeschichtlichen Grundlagen unserer Gesellschaft unterminiert und ein wesentlicher Bestandteil unserer Zivilisation zerstört werden. Schon das vormalige Scheitern aller politischen Versuche, das Gottesgebot in den europäischen Verfassungsvertrag aufzunehmen, war ein Fanal auf dem Weg in ein vom christlichen Glauben befreites Europa.
Dass mit einem juristischen Federstrich über mehr als 2000 Jahre christliche Prägung hinweggegangen wird, darf nicht unwidersprochen bleiben. Das Kreuz ist neben seiner zentralen religiösen Bedeutung auch ein Symbol unserer christlich-jüdischen Kultur und ihrer engen Verbindung zwischen Orient und Okzident. Ohne die Kenntnis unserer religions- und ideengeschichtlichen Wurzeln ist es nahezu unmöglich, Orientierung in einer unübersichtlich gewordenen Welt zu gewinnen. Von einem anspruchsvollen Dialog mit der islamischen Welt auf Augenhöhe ganz zu schweigen.
Was uns in Deutschland und Europa zusammenhält, ist deutlich mehr als das, was glaubensfeindliche Ideologen vertreten. Daher sind wir als christliche Politiker ebenso wie die Vertreter der Kirchen gefordert, unsere Stimme zu erheben, um diesen antichristlichen Tendenzen, die sich gegen das bewusste Ausleben unserer Religion richten, deutlich entgegenzutreten. Im Grundsatzprogramm bekennt sich die CDU ausdrücklich zur Präsenz des christlichen Glaubens und seiner Symbolik. In Ziffer 279 heißt es: „Das Grundgesetz beruht auf Werten, die christlichen Ursprungs sind. Sie haben unser Land und unsere Gesellschaft grundlegend geprägt. Sie im Bewusstsein zu halten, zu bewahren und ihnen Geltung zu verschaffen, verstehen wir nicht nur als Aufgabe der christlichen Kirchen, sondern auch als eine vorrangige Aufgabe von Staat und Bürgern. Christliche Symbole müssen im öffentlichen Raum sichtbar bleiben. Sie sind ebenso zu schützen wie die christlich geprägten Sonn- und Feiertage.“
Es ist daher an uns, den eigenen Glauben auch öffentlich zu zeigen. Nicht als Bevormundung, sondern als klaren Hinweis darauf, dass christliche Prinzipien wie die unveräußerliche Würde jedes Menschen und Werte wie Nächstenliebe und Rücksichtnahme zum Konsens einer demokratischen Gesellschaft gehören. Hinzu kommt, dass gerade in der jungen Generation das Interesse an Glaubensfragen und Maßstäben für das eigenverantwortliche Handeln, aber auch an der Vermittlung von Werten stetig wächst. Wir dürfen die jungen Menschen mit ihren Fragen nicht allein lassen.
Die Religion nicht aus dem öffentlichen Leben verdrängen
Eine Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Leben, der Politik oder auch der Wissenschaft wäre fatal für die Zukunft unseres Kontinents. Das Religiöse und Spirituelle mag einigen konsequenten Atheisten – auch das Nicht-Glauben gehört zu unserer über die Jahrhunderte hinweg erkämpften Religionsfreiheit – in unserer technisierten Umwelt unbequem erscheinen. Doch das Zerschlagen unserer gemeinsamen Traditionen und kulturellen Bindungen ist ein gefährlicher Irrweg. Dies zeigt gerade der Rückblick auf das 20. Jahrhundert. Wir müssen dafür kämpfen, dass Fehlurteile wie das des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und die dahinterstehende intolerante Geisteshaltung revidiert werden – juristisch, politisch und vor allem gesellschaftlich. Ein lebendiger, europaweit gelebter Glaube an Gott, bei dem Kruzifixe und Glockenläuten auch weiterhin zum öffentlichen Raum in unseren Dörfern und Städten gehören, ist der beste Weg, solche Hindernisse zu überwinden. Die Hoffnung, dass dies gelingt, wird jeden Christen begleiten. Denn Hoffen, Glauben und Handeln gehören zusammen.
philipp-missfelder.de