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Reden im Deutschen Bundestag

Reden im Deutschen Bundestag

27. Rede im Deutschen Bundestag

10.02.2010

10.02.2010

Philipp Mißfelder

Die Übernahme der Verantwortung durch die Afghanen selber ist das richtige Konzept

Rede zur Afghanistan-Politik

3.) Abgabe einer Regierungserklärung durch den Bundesminister des Auswärtigen
Auf dem Weg zur Übergabe in Verantwortung: Das deutsche Afghanistan-Engagement nach der Londoner Konferenz

ZP.2) Beratung Antrag Bundesregierung
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an dem Einsatz der Internationalen Sicherheitsunterstützungstruppe in Afghanistan (International Securitya Assistance Force, ISAF) unter Führung der NATO auf Grundlage der Resolutionen 1386 (2001) und folgender Resolutionen, zuletzt Resolution 1890 (2009) des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen
- Drs 17/654 -

Herr Präsident!
Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen!

Ich stimme Ihnen, Herr Schmidt, aus­drücklich zu, wenn es um die Beschreibung der Abläufe geht. Sie haben es richtig beschrieben: Es gibt keinen Automatismus, dass das Parlament, wenn die Regierung etwas vorschlägt, zustimmt. Gerade bei diesem Mandat wird sehr deutlich, dass das Parlament sehr stark betei­ligt worden ist. Herr Steinmeier hat vorhin ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sehr viele Vorschläge, über die in den letzten Wochen – auch in Gesprächen mit der Op­position – diskutiert worden ist, Eingang in die Überle­gungen und die Strategie für das Mandat und das weitere Vorgehen in Afghanistan gefunden haben. Ich komme für meine Fraktion allerdings – das wird Sie wenig über­raschen – zu einer anderen Empfehlung als Sie. Ich emp­fehle meiner Fraktion ausdrücklich, dem Mandat auf­grund der Einbindung des Parlaments und der Darstellung des Bundesaußenministers am heutigen Tag zuzustimmen.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)

Herr Bundesaußenminister, ich bin Ihnen außeror­dentlich dankbar, nicht nur für die Beratungen in den vergangenen Wochen. Das ist auch durch die Redebei­träge der anderen Fraktionen größtenteils deutlich ge­worden. Bei Herrn van Aken war das nicht so sehr der Fall. Aber wir beraten gemeinsam über solch wichtige Fragen. Daran ist auch die Linkspartei beteiligt. Sie stimmt zwar anders ab als wir. Aber bei den Gesprächen ist sie immer dabei, und das ist auch gut so. Wir bieten weiterhin an, an solchen Gesprächen teilzunehmen; denn es handelt sich um eine gemeinsame Verantwortung aller Fraktionen im Deutschen Bundestag. Zumindest was das Zustandekommen des Mandates angeht, ist es wichtig, dass wir weiterhin im Gespräch bleiben.

Die Einordnung als bewaffneter Konflikt gibt Hoff­nung, dass wir bei der Rechtssicherheit große Fort­schritte machen. Das ist noch nicht abgeschlossen. Es stehen noch gerichtliche Entscheidungen aus. Vor die­sem Hintergrund ist es wichtig, dass hier Klarheit ge­schaffen worden ist und mit großer Verlässlichkeit Aus­sagen getroffen worden sind.

Schon vor der Afghanistan-Konferenz in London sind – darüber haben wir hier im Deutschen Bundestag inten­siv beraten – wichtige Signale ausgegangen. Die Ergeb­nisse von London können sich tatsächlich sehen lassen; denn gerade das, worüber wir hier im Deutschen Bun­destag beraten haben, hat Eingang in das gefunden, was die Zukunft Afghanistans in den nächsten Jahren mit­bestimmen wird. Die Übernahme der Verantwortung durch die Afghanen selber ist das richtige Konzept. Ge­rade das, was Präsident Karzai bei seinen Besuchen in München und im Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages deutlich gemacht hat, ist der richtige Weg. Wir müssen uns in der Polizeiausbildung mehr engagie­ren. Es ist nicht vordringliche Aufgabe der Deutschen, in Afghanistan offensiv tätig zu sein. Das hat der Bundes­außenminister hier sehr deutlich gesagt. Unser Haupt­engagement richtet sich auf die Ausbildung. Das ist der richtige Weg; denn nur so kann die Übernahme der Ver­antwortung in den nächsten Jahren stattfinden. Deshalb werden wir unser Engagement in diesem Bereich massiv ausweiten. Ich danke vor allem denjenigen, die sich dort besonders engagieren, den Soldatinnen und Soldaten, aber vor allem auch den Polizisten, die in den nächsten Jahren einen sehr großen Beitrag leisten werden. Ihnen gilt der Dank des ganzen Hauses. Herzlichen Dank!

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

Innerhalb des Mandats finden Umschichtungen statt. Das ist der größte Beitrag dazu, in Zukunft eine höhere Ausbildungsleistung zu erbringen. Weil sich einiges im Norden Afghanistans verändert hat, sind wir zu dem Ergebnis gekommen, der Lage angemessen, weitere Truppen dorthin zu entsenden. Alles andere hielte ich für unverantwortlich; denn die Soldatinnen und Soldaten in eine Situation zu bringen, in der ihr eigener Schutz nicht gewährleistet werden könnte, wäre falsch.

Wenn man dort verantwortungsbewusst Politik ma­chen und die Zukunft Afghanistans mitgestalten will, ist es notwendig, dass man das militärische Engagement in diesem Bereich adäquat erhöht. Deshalb hat die Bundes­regierung den Vorschlag gemacht, die Mandatsober­grenze zu erhöhen. Gerade weil die Situation in Afgha­nistan sich in diesem Jahr verändern wird, und zwar durch die Wahlen, die im Herbst stattfinden werden, muss man sicherheitspolitisch und militärisch adäquat reagieren. Das ist verantwortungsbewusste Außenpoli­tik, und deshalb wollen wir der Verschiebung der Man­datsobergrenze zustimmen.

Von großer Bedeutung ist – das ist ein Kern des Kon­zepts von London – das Reintegrationsmodell. Das Ziel ist nicht, wahllos mit jedem Taliban oder Fundamentalis­ten zu verhandeln oder sie in die Regierung zu bomben, wie hier vorhin gesagt worden ist. Vielmehr geht es da­rum, zu prüfen, wer von den Taliban theoretisch für eine Stabilisierung Afghanistans in der Zukunft gewinnbar ist. In der Debatte in der vergangenen Sitzungswoche und auch heute ist deutlich geworden, dass es sehr wohl Unterschiede gibt zwischen denjenigen, die aus wirt­schaftlichen Erwägungen heraus dort mitlaufen, das Geld der Taliban annehmen und sich auf diese Weise über Wasser halten, und denjenigen, die sich aus religiö­sen, fundamentalistischen Gründen möglicherweise auf einem unumkehrbaren Weg befinden. Mit Letzteren wer­den wir in den nächsten Jahren natürlich keine Erfolge erzielen.

Richtig ist, dass wir den Dialog, der in Afghanistan stattfindet, von der Regierung einfordern und ihr über­lassen. Wir haben klare Wegmarken gesetzt, was wir von der afghanischen Regierung in dem Zusammenhang er­warten. Daran haben die Grünen in den vergangenen Wochen entscheidend mitgewirkt. Wir wollen das, was wir bisher an Erfolgen erreicht haben, nicht leichtfertig aufgeben, beispielsweise in Verhandlungen mit Mullah Omar. Die Rechte der Frauen dürfen nicht hinter den Status zurückfallen, den wir gemeinsam erreicht haben und den die Bundeswehr in Afghanistan verteidigt. Das ist nicht unser Ziel. Deshalb muss man genau hin­schauen, wer mit wem verhandelt und welche Gespräche mit welchem Ziel geführt werden. Das heißt nicht, dass wir eine Dialogbereitschaft grundsätzlich ablehnen. Das wäre falsch. Aber es heißt, dass es rote Linien gibt, hinter die wir nicht zurückgehen dürfen.

Auf diesem Weg sollten wir die afghanische Regie­rung massiv ermutigen. Das haben wir im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz und bei den Gesprächen in Berlin getan. Das ist auch die Linie der nächsten Jahre in Afghanistan; denn die erreichten Erfolge dürfen nicht dadurch zerstört werden, dass um jeden Preis eine Stabi­lisierung erreicht werden soll.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)

Ich vertraue Herrn Karzai an dieser Stelle sehr wohl, und zwar aufgrund seiner persönlichen Familienge­schichte. Sein Vater hat frühzeitig versucht, mit Mullah Omar und seinen Leuten Gespräche zu führen. Er hat konkrete Angebote gemacht. Die Antwort dieser Funda­mentalisten war ein Mordanschlag auf seinen Vater, der leider erfolgreich war.

Aus diesem Grund glaube ich, dass bei Herrn Karzai – das konnten wir auch in den persönlichen Gesprächen mit ihm feststellen – eine sehr große Ernsthaftigkeit be­züglich der zukünftigen Dialoge vorhanden ist. Deshalb bin ich da ganz optimistisch.

(Abg. Hans-Christian Ströbele [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] meldet sich zu einer Zwi­schenfrage)

– Herr Präsident, ich glaube, es besteht der Wunsch nach einer Zwischenfrage.

Präsident Dr. Norbert Lammert:
Das ist in der Tat so. Da Sie offenkundig ein Interesse an der Zulassung dieser Frage haben, erteile ich hiermit dem Kollegen Ströbele das Wort zu einer Zwischen­frage.

Hans-Christian Ströbele (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Herr Kollege, Sie sprechen hier über die Verhandlun­gen und die damit verbundenen Probleme und benennen zu Recht richtige Punkte. Aber wir befinden uns heute nicht in einer entwicklungspolitischen Debatte, sondern wir sprechen darüber, ob der Deutsche Bundestag zu­sätzliche Soldaten nach Afghanistan schickt, 850 bzw. 500 und 350, je nachdem, wie man das rechnet. Darüber hinaus soll zusätzliches Kriegsgerät nach Afghanistan geschickt werden. Wie erklären Sie und wie erklärt die Bundesregierung – dazu hat Herr Westerwelle kein Wort gesagt –, wie auf der einen Seite Aufbau, Ausbildung und Verhandlungen stehen sollen, wenn auf der anderen Seite eine erhebliche Intensivierung der Kriegsführung stattfindet? Darüber sprechen Sie nicht.

Halten Sie es nicht ebenso wie ich für kontraproduk­tiv, wenn auf der einen Seite Verhandlungen angeboten werden, auf der anderen Seite dieselben Leute, mit de­nen verhandelt werden soll, möglicherweise von Ziel­fahndungskommandos der Bundeswehr, vor allen Din­gen aber der US-Amerikaner, die jetzt 5 000 zusätzliche Soldaten in den Norden schicken, gejagt werden? Wie sollen Verhandlungen mit denen stattfinden, die gleich­zeitig auf der Abschussliste mindestens der Amerikaner, möglicherweise auch der Bundeswehr stehen? Ist das nicht ein Widerspruch, und macht das eine das andere nicht unmöglich? Das heißt, die Art der Kriegsführung muss auf den Tisch. Die Bundesregierung muss hier sa­gen, in welcher Weise die Bundeswehr dort eingesetzt wird. Gehört zu dem Einsatz der Bundeswehr auch, ge­rade nach den Ereignissen in Kunduz am 4. September, weiterhin Menschen zu vernichten, und zwar gezielt zu vernichten, wie Oberst Klein es damals verlangt hat? Wie lösen Sie diesen Widerspruch?

Philipp Mißfelder (CDU/CSU):
Die letzte Frage ist die einzige Frage, auf die ich nicht mit Nein antworten werde. Sie haben mir drei, vier Fra­gen gestellt. Auf alle Fragen kann ich nur mit Nein ant­worten. Ich teile Ihre Haltung nicht; das wird Sie aber auch nicht überraschen. Ich möchte Ihnen deutlich sa­gen, warum sich die Bundesregierung zu dem entschlos­sen hat, was wir hier unterbreiten und was die Fraktion der CDU/CSU unterstützt. Wir unterstreichen mit der Erhöhung der Obergrenze und mit der Entsendung von mehr Soldaten im Rahmen dieses Mandats die Ernst­haftigkeit unseres Engagements. In der Debatte ist sehr deutlich herausgekommen, dass es sich bei der An­hebung der Obergrenze nicht nur um eine militärische Maßnahme handelt – das haben Sie uns gerade vorge­worfen –, sondern dass diese in einen größeren Rahmen von entwicklungspolitischen, zivilen und polizeilichen Maßnahmen eingebettet wird. Das ist unsere Strategie, und deshalb tragen wir das intensiv vor. Wir unterstrei­chen mit der Entsendung von mehr Soldaten die Ernst­haftigkeit unseres Engagements.

(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeord­neten der FDP)

Ich glaube, dass wir damit gerade die Arbeit der Ent­wicklungshelfer unterstützen. Über die Arbeit der Ent­wicklungshelfer ist einiges zu sagen. Es gibt Stimmen in den Organisationen, die davor warnen, mit dem Militär gemeinsam aufzutreten. Aber ich glaube, dass nach wie vor die Voraussetzung für den zivilen Aufbau militäri­sche Präsenz ist. Das ist schade, aber es ist leider so. Das soll nicht auf Dauer so bleiben. Ich übernehme nicht die Verantwortung dafür, dass Entwicklungshelfer mit ihrem Leben für ihre mutige Arbeit bezahlen müssten, wenn wir hier falsche Entscheidungen treffen und, wie es in Ihrem Sinne wäre, aus Afghanistan abziehen würden.

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP)

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