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Reden im Deutschen Bundestag

Reden im Deutschen Bundestag

9. Rede im Deutschen Bundestag

26.4.2007

Sehr geehrte Frau Präsidentin!
Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Zu dem Antrag der Grünen bezüglich der Bundesliegenschaften ist festzuhalten: Es spricht aus un­serer Sicht selbstverständlich gar nichts dagegen, staat­liche Liegenschaften vollständig auf erneuerbare Ener­gien umzustellen.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Dann sagen Sie es Ihren Ministern!)

Darüber können Sie gern mit uns reden.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Gut!)

Aber Sie müssen bei den Anträgen, die Sie stellen, natür­lich auch im Blick haben, dass wir mit den Beschlüssen, die wir hier im Hause fassen, nicht nur politische Show­effekte zu erzielen haben, sondern uns dabei auch an wichtige Prinzipien und Kriterien halten müssen, etwa an solche der Wirtschaftlichkeit.

(Lachen der Abg. Sylvia Kotting-Uhl [BÜND­NIS 90/DIE GRÜNEN])

Wir haben hier nicht Geld aus Marketingbudgets zu verwalten, sondern das Geld des Steuerzahlers.

(Beifall bei der CDU/CSU – Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und Ökostrom ist unwirtschaftlich?!)

Nach § 6 des Gesetzes über die Grundsätze des Haus­haltsrechts des Bundes und der Länder dürfte das, was Sie vorschlagen, nicht rechtens sein; denn darin steht ausdrücklich:

Für alle finanzwirksamen Maßnahmen sind ange­messene Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen durch­zuführen.


Vor dem Hintergrund ist das, was Sie vorschlagen, un­realistisch.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Nein! Klimaschutz ist die wirtschaftlichste Maßnahme!)

Es bleibt auch unrealistisch, zumindest eine gewisse Zeit lang. Ich glaube, dass man deshalb bei solchen Show­anträgen

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Das ist kein Showantrag! Er ist ernst gemeint!)

nicht von den Grundsätzen der Haushaltsführung abwei­chen sollte, sondern tatsächlich versuchen sollte, mit den Geldern des Steuerzahlers vernünftig umzugehen.

Das Anliegen, das dahintersteckt, Herr Fell, ist natür­lich ein begrüßenswertes.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Na immerhin!)

Sie sagen richtigerweise, dass die erneuerbaren Energien in Zukunft einen höheren Anteil haben sollen. Dem stimmen wir als Regierungskoalition zu. Für meine Fraktion, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gilt das ge­nauso.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Deshalb halten wir an den Anschubfinanzierungen für erneuerbare Energien, die bereits gegeben worden sind, fest – sie sollen auch weiterhin stattfinden – und engagieren uns in diesem Bereich, egal ob auf europäi­scher Ebene oder auf nationaler Ebene. Das findet statt.

Im gleichen Atemzug muss ich allerdings sagen: Was Sie sich an Klimazielen wünschen und was auch wir uns da wünschen, ist nur so lange durchführbar, wie man eine realistische Betrachtungsweise für das, was eine Energiepolitik wirklich braucht, zugrunde legt.

Dazu gehört selbstverständlich auch die Frage der Kernenergie.

(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Selbstverständlich“?)

Wenn man aus einer klimafreundlichen Energie ausstei­gen will, dann muss man sagen, wie das funktioniert, und überlegen, wie das in Zukunft mit den Klimazielen, die man sich selbst vorgibt, vereinbar sein soll. Sie müs­sen sich einmal vor Augen führen, dass die jährlichen CO2-Emissionen um 160 Millionen Tonnen höher wä­ren, wenn abgeschaltete Kernkraftwerke durch konven­tionelle Kohlekraftwerke ersetzt werden würden.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Aber nicht, wenn man sie durch erneu­erbare Energien ersetzen würde! Das ist es doch gerade!)

Das ist eine Entwicklung, die wir natürlich mit großer Sorge sehen. Was bei den Versorgern energiepolitisch diskutiert wird, geht gerade in diese Richtung. Deshalb müssen wir alle Anstrengungen unternehmen, auch wei­terhin zu forschen, um das technische Hauptproblem, das dem verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien im Wege steht, zu lösen. Dabei geht es letztlich um die Grundlastfähigkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Das kann Geothermie schaffen!)

– Darauf wollte ich gerade eingehen, Herr Fell. Vielen Dank, dass Sie sich hier als Souffleur betätigen.

In der Tat ist es so, dass es bei den erneuerbaren Ener­gien große Schwierigkeiten mit der Grundlastfähigkeit gibt. Deshalb muss man sich darüber im Klaren sein, dass auch ein kurzfristiger Ausstieg aus der Kernenergie große Risiken mit sich bringt, und zwar sowohl in der Energieversorgung als auch bezüglich des Erreichens der Klimaschutzziele, die Deutschland sich gesetzt hat und die unserer Vorstellung nach für ganz Europa gelten sollten.

Ich glaube, dass die erneuerbaren Energien ein großes Potenzial haben; daran glaube ich wirklich. Wenn man forscht, wenn man sich engagiert – Deutschland tut dies richtigerweise –, dann hat die Solarenergie sicherlich eine große Zukunft. Das hat auch positive Auswirkun­gen auf den Arbeitsmarkt; das ist unbestritten. Ich glaube, dass die Grundlastfähigkeit von Geothermie auf Dauer gegeben sein kann. Auch auf diesem Gebiet müs­sen wir forschen. In der Region, die ich vertrete – Teile des Ruhrgebiets –, wird das richtigerweise getan. Ich un­terstütze diese Initiativen persönlich sehr.

Trotzdem, man muss realistisch bleiben. Deshalb halte ich das, was Sie in Ihrem Antrag schreiben, für zu allgemein und im Vergleich zu dem, was eine wirklich vernunftorientierte Energiepolitik letztendlich brauchte, auch für zu unrealistisch.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Sie haben in der Debatte über die Regierungserklä­rung heute Morgen auch von unseren Rednern gehört, wie wichtig uns die Klimaschutzpolitik ist. Das können Sie auch daran erkennen, wie die Bundesregierung, der Bundesminister für Umwelt und auch die Bundeskanzle­rin auf europäischer Ebene agieren. Ich möchte Sie da­rauf hinweisen, dass wir, die Unionsfraktion, am Diens­tag dieser Woche ein umfangreiches Papier zur Klimaschutzpolitik verabschiedet haben. Darin werden sehr ehrgeizige Ziele vertreten. Wir laden Sie herzlich ein, uns auf diesem Weg zu folgen, um mit uns gemein­sam an einer realistischen Umwelt- und Energiepolitik zu arbeiten. Wir wollen es schaffen, unsere Klimaschutz­ziele mit dem, was aus unserer Sicht wirtschaftlich ver­nünftig ist, in Übereinstimmung zu bringen. Dazu haben wir am Dienstag konkrete Vorschläge gemacht.

(Beifall der Abg. Marie-Luise Dött [CDU/ CSU])

Zu einer realistischen Betrachtung der Umweltpolitik gehört letztendlich natürlich auch, dass man sich den Fragen stellt. Das ist in einer Koalition wie der, in der wir uns befinden, natürlich nicht immer ganz einfach; schließlich werden in dieser Koalitionskonstellation an vielen Punkten unterschiedliche Meinungen vertreten. Wir sind in vielen Punkten unterschiedlicher Auffas­sung, zum Beispiel bei der Kernenergie. Aber wir als Koalition sind uns der Probleme natürlich bewusst. Des­halb haben wir einen eindeutigen Koalitionsvertrag ge­schlossen. Die darin getroffene Regelung zur Kernener­gie deckt sich zwar nicht mit meiner Meinung; aber wir akzeptieren sie trotzdem. Das wird in dieser Koalition bis 2009 auch so bleiben. Was danach sein wird, darüber wird man in Wahlkämpfen und anderswo diskutieren. Ich sehe diesen Diskussionen mit großer Entspanntheit und mit großer Rationalität entgegen.

Wir müssen allerdings auch politische Fragen disku­tieren – die haben Sie aufgeworfen –, die tatsächlich wichtig sind. Dazu gehört zum Beispiel die Frage der Endlagerung. Man kann nicht einfach ignorieren, dass es in Deutschland ein Endlagerungsproblem gibt, und sich dann, wenn die Lösung des Problems ansteht, in eine komplette Blockadehaltung begeben.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Sie verweigern sich doch einer Endla­gersuche nach vernünftigen Kriterien!)

Vielmehr bemüht sich die Große Koalition, ausgewogen zu urteilen und das Ganze unter Berücksichtigung der verschiedensten Aspekte auf den richtigen Weg zu brin­gen. Sie können die aktuellen Studien über Gorleben nicht einfach ignorieren.

(Sylvia Kotting-Uhl [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie ignorieren das!)

Sie können nicht einfach so tun, als wenn wissenschaftli­che Erkenntnisse, die die Bundesanstalt für Geowissen­schaften und Rohstoffe erst am vorvergangenen Mitt­woch vorgelegt hat, nicht gelten. Bitte prüfen Sie diese objektiven wissenschaftlichen Untersuchungen ge­nauso, wie wir Ihre Anträge gewissenhaft prüfen und vernünftig behandeln.

(Beifall bei der CDU/CSU)

Sie haben eingangs der Opfer der fürchterlichen Kata­strophe von Tschernobyl gedacht. Dem möchte ich mich ausdrücklich und in aller Form anschließen. Wir haben vor einem Jahr eine Debatte darüber geführt, und wir ha­ben in diesem Zusammenhang viele Diskussionen ge­führt. Ich stimme Ihnen absolut zu, wenn Sie fordern, dass so etwas nie wieder passieren darf

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Dann schalten wir die Reaktoren end­lich ab!)

und dass man deshalb alles Menschenmögliche tun muss, um solche Katastrophen zu verhindern. Deshalb muss man selbstverständlich kritisch hinterfragen, wel­che Risiken die Kernenergie mit sich bringt.

Ohne auf die deutsche Kernenergiedebatte einzuge­hen, möchte ich darauf hinweisen: Die Kernenergie er­lebt weltweit eine Art Renaissance.

(Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ­NEN]: Wo denn?)

Angesichts dessen müssen wir uns schon die Frage stel­len, ob die Technologieführerschaft, die Deutschland in diesem Bereich hat, nicht zumindest Anlass zum Nach­denken sollte. Ich meine damit gar nicht die Beibehal­tung der Kernenergie in Deutschland; davon spreche ich gar nicht. Aber wenn man überlegt, wie sich das welt­weit in den nächsten Jahrzehnten entwickeln soll, dann muss man zur Kenntnis nehmen, dass die Sicherheits­standards in Deutschland sehr hoch sind. Diese hohen Sicherheitsstandards wären auch für andere Länder wün­schenswert.

(Beifall bei der CDU/CSU und der FDP – Hans-Kurt Hill [DIE LINKE]: Dann muss man ein Vorbild für den Ausstieg sein!)

Wirken Sie zumindest an diesem Ziel mit, damit sich ein Unfall wie in Tschernobyl nicht wiederholt! Am besten geschieht das mit sicherer deutscher Technik.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der CDU/CSU – Hans-Josef Fell [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nur das Abschalten ist ganz sicher!)

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